»Anerkennungsvergessenheit« und die Ontologie des Sozialen

Axel Honneths Buch »Verdinglichung«1


[...]schon allein der Hinweis darauf, daß wir nach der bisherigen Analyse andere Menschen doch nur dann »verdinglichen«, wenn wir die vorgängige Anerkennung ihres Personseins aus dem Blick verlieren, dürfte darauf aufmerksam machen, wie wenig überzeugend Lukács' Gleichsetzung von Warentausch und Verdinglichung ist, da doch im ökonomischen Austausch der Interaktionspartner normalerweise zumindest als rechtliche Person gegenwärtig bleibt2

Axel Honneth


Eingeholt wäre das Grauen von Depersonalisierung erst von der Einsicht ins Dinghafte der Person selbst, in die Schranke der Egoität, die anbefohlen war von der Gleichheit des Selbst mit Selbsterhaltung.3


Human sind die Menschen nur dort, wo sie nicht als Person agieren und gar als solche sich setzen.4

Theodor W. Adorno


Der derzeitige Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth, möchte in seinem 2005 erschienen Buch »Verdinglichung«, eine Aktualisierung der Theorien über die Verdinglichung menschlicher Beziehungen, von anderen Menschen und des Selbst, leisten. Ausgangspunkt sind dabei die Lukács'schen Überlegungen, wie sie dieser in seinem 1925 erschienen Werk »Geschichte und Klassenbewußtsein« und dem darin enthaltenen Aufsatz »Die Verdinglichung und das Bewußtseins des Proletariats« niedergelegt hat. Nach dem Aufkommen dieser Theorien vor dem 2. Weltkrieg, ihrer weitgehenden Abwesenheit nach dem »Zivilisationsbruch des Holocaust«, ihrer kurzen Renaissance zur Zeit der Studentenbewegung in den Tätigkeiten der »Frankfurter Schule«, kehre erst in der jüngeren Gegenwart die »Kategorie der ›Verdinglichung‹« »wie ein philosophisch unverarbeiteter Brocken« wieder5. Im Bereich der Soziologie werde sie als »Tendenz der Subjekte« ausgemacht, »bestimmte Gefühle oder Wünsche aus Opportunitätsgründen so lange bloß vorzuspielen, bis sie als Bestandteil der eigenen Persönlichkeit auch tatsächlich erlebt werden«6. Desweiteren werde Verdinglichung als »instrumentelle[\n] Benutzung anderer Personen«7, der Behandlung anderer Menschen als »enpfindungslose, tote Gegenstände, eben als ›Dinge‹ oder ›Waren‹« in der »Inanspruchnahme von Leihmutterschaften«, der »Vermarktlichung von Liebesbeziehungen« und in der »Sexindustrie« gefasst8. Die Verarbeitung dieses schwer verdaulichen Brockens durch die Emanzipation jener Kategorie aus dem Zusammenhang der Kritik der politischen Ökonomie hat Honneth sich zur Aufgabe gemacht. In Frage stehe, ob die »Sozialontologie« von Lucács und dessen Argumente »gegen die kapitalistische Verdinglichung unserer Lebensverhältnisse«9 noch etwas taugen. »Ob wir freilich heute noch so reden dürfen, ob wir Einwände gegen eine bestimmte Lebensform unter Hinweis auf sozialontologische Einsichten rechtfertigen dürfen, ist keineswegs ausgemacht«10.

Den Begriff der Verdinglichung bei Lucács, der darunter fasst, daß »eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit«11 angenommen hat, untersucht Honneth darauf hin, ob es damit ein kognitiver Irrtum, eine moralische Verfehlung oder eine »im ganzen verzerrte Form von Praxis«12 handeln soll. Lucács zufolge sei es die Entfaltung des Warentausches, die es den Subjekten abnötige, sich »zu sich und ihrer Umwelt« in ein »verdinglichendes Verhältnis zu setzen«. Das Bestreben von Lucács, die »Verdinglichungszwänge auf das gesamte Alltagsleben im Kapitalismus«13 zu übertragen und die Verdinglichung im Kapitalismus als »zweite Natur« zu fassen, wird von Honneth kritisiert. Ungeklärt an der Behauptung einer Verbindung von Warentausch und Verdinglichung sei die »marxistische Prämisse, der zufolge die Teilnahme an ökonomischen Tauschprozessen eine derart durchschlagende Bedeutung für die Individuen besitzt, daß sich dadurch deren gesamtes Selbst- und Weltverhältnis dauerhaft verändert, ja aus dem Lot gebracht wird«14. Sein Programm der ›Reaktualisierung‹ fasst er so zusammen, dass der im Begriff der Verdinglichung »gemeinte Sachverhalt als Verkümmerung oder Verzerrung einer ursprünglichen Praxis [..] in der der Mensch zu sich und zu seiner Umwelt ein anteilnehmendes Verhältnis einnimmt«15 zu fassen sei. Ob dem Bedürfnis von »hochdifferenzierte[n] Gesellschaften« eines strategischen Umgangs der Subjekte miteinander, dürfe »eine Kritik der Verdinglichung von vorneherein nicht so totalisierend wie Lucács verfahren, sondern müßte soziale Sphären ausgrenzen, in denen jenes beobachtende teilnahmslose Verhalten einen vollkommen legitimen Platz«16 besitze. Gleichwohl gelte es, »den ursprünglichen Intuitionen von Lukács Rechnung«17 zu tragen. In der feinsäuberlichen Unterscheidung der »Handlungssphäre des Äquivalententausches«18 klingt die alte Habermas'sche Unterscheidung von ökonomischem System und von potentiell herrschaftsfreier Kommunikation geprägter Lebenswelt an.

In den Arbeiten von John Dewey und Martin Heidegger erkennt Honneth den Lucács'schen aber auch den eigenen verwandte Bestrebungen, vorgängige existentiale Strukturen von Sozialität gegen die verdinglichte Wirklichkeit in Stellung zu bringen, in denen die Individuen in anteilnehmender und anerkennender Weise in Beziehung stünden. Im Gegensatz zum idealistischen des Programms von Lucács, das von Honneth zu Recht kritisiert wird, kann er in dessen Überlegungen zu einer »aktiven Anteilnahme und existentiellen Involviertheit« eine »verblüffende Verwandtschaft«19 zu Heidegger und Dewey erkennen. Heidegger sei wie Lucács der Überzeugung gewesen, dass die »ontologischen Verblendungen« der im »Subjekt-Objekt-Dualismus«20 verhaftet bleibenden Philosophie, dafür verantwortlich seien, dass die Frage nach den nicht-verdinglichten existentialen Strukturen des menschlichen Daseins nicht gestellt worden sei. Beiden gehe es darum, die »herrschende Fixierung auf das Subjekt-Objekt-Schema grundsätzlich zu widerlegen«21. Zu fragen wäre aber, ob denn nur jene »Fixierung« herrscht oder nicht auch die Spaltung in Subjekt und Objekt real ist und ›herrscht‹, und jene »Fixierung« somit ihr fundamentum in re hätte und nicht bloße Irrationalität ist, die isoliert vom gesellschaftlichen Ganzen »zu widerlegen« wäre, wie es hier angedeutet ist, und es sich darin um mehr als ein bloßes »Schema« handelt. Zwar habe Heidegger nicht ansatzweise daran gedacht, die traditionelle Ontologie und die Subjekt-Objekt-Konstellation im Gegensatz zu Lucács auf soziale Wurzeln zurückzuführen und offenbar bestehe der Unterschied, dass Lucács im Gegensatz zu Heidegger nicht auf die »Enthüllung einer immer schon gegebenen, [..] sondern einer zukünftig einmal möglichen Daseinsweise des Menschen«22 aus sei, was vielleicht aber auch einen Unterschied ums Ganze bedeutet. Die Möglichkeit, wahre Fundamente einer Gesellschaft ohne Pathologien der Verdinglichung als ontologisch schon immer daseiend konstatieren zu können, und solche Pathologien den Subjekten als Seinsverfehlung oder Anerkennungsvergessenheit zuschlagen zu können, ist allerdings den ontologisch Bedürftigen wesentlich angenehmer. Gleichwohl könne bei beiden die Überzeugung konstatiert werden, dass »inmitten der falschen, ontologisch verblendeten Gegenwart jene elementaren Strukturen der menschlichen Lebensform immer schon anwesend sein müssen, die durch Besorgtheit und existentielle Interessiertheit gekennzeichnet sind«23. Anerkennend hebt Honneth hervor, dass Lucács eigentlich gezwungen sei, Verdinglichung als »interpretatorische[n] Schleier« und als »falsche Deutungsgewohnheit bezüglich einer rudimentär stets gegebenen ›richtigen‹ Praxis«24 zu fassen. Warum aber eine ontologische Verblendung gerade (nur) in der Hypostasierung der Subjekt-Objekt-Spaltung in der Tradition vor bzw. neben Heidegger, die zweifellos statt hat, gegeben sein soll, und nicht vielmehr in dem Heidegger'schen Ziel, dem anscheinend auch Honneth nicht ganz fern steht, der ›Destruktion‹ dieser Ontologie hin zu einer Fundamentalontologie, die das Gewordensein der Spaltung nicht auf gesellschaftliche Verhältnisse rückbindet und darin auch qualitativ bestimmt, sondern sie in einem mythischen Sein aufgehoben wähnt, keinen Gedanken an einer Veränderung des Ganzen verschwendet, und damit schließlich die historisch konkrete Form der Subjekt-Objekt-Spaltung erst recht ontologisiert und darin rechtfertigt, bleibt unerfindlich25.

Im folgenden gehe es nun darum, zu zeigen, dass »die Einstellung der Sorge einen nicht nur genetischen, sondern auch begrifflichen Vorrang vor dem neutralen Erfassen der Wirklichkeit« besitze. Der Heidegger'sche Begriff der Sorge sei dabei »behutsam« durch die »von Hegel stammende Kategorie der Anerkennung«26 zu ersetzen. Mit Dewey sieht Honneth das eigentliche Problem im Denken der Subjekte, in der »Vorherrschaft des Subjekt-Objekt-Modells«: »Je länger das herrschende Denken noch an der herkömmlichen Entgegensetzung von Subjekt und Objekt festhält, desto stärker wird unsere soziale Lebenspraxis Schaden nehmen, weil Kognition und Gefühl, Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst nur immer weiter auseinandergerissen werden«27 Dagegen seien die »situationalen Gegebenheiten zunächst in das Licht einer bestimmten Erfahruntgsqualität getaucht, die keine Unterscheidung in emotionale, kognitive oder voluntative Elemente«28 zulasse. Es sei »uns« »die Welt nicht in Sorge um uns selbst erschlossen, vielmehr durchleben wir Situationen in Sorge um die Bewahrung einer fließenden Interaktion mit der Umwelt« und in der »existentiell durchfärbten, befürwortenden Einstellung des Bekümmerns«. Dabei werde den »Gegebenheiten der umgebenden Welt« zunächst stets ein »Eigenwert« eingeräumt«29. Diese »existentielle[\n] Interesse[\n] an der Welt« speise sich aus der »Erfahrung ihrer Werthaftigkeit«30 Diese »ursprüngliche Form der Weltbezogenheit« solle zunächst »Anerkennung« heißen, so Honneth31. »Eine anerkennende Haltung ist mithin Ausdruck der Würdigung der qualitativen Bedeutung, die andere Personen oder Dinge für unseren Daseinsvollzug besitzen«.32 Zentrale These ist, dass »das Anerkennen dem Erkennen vorausgeht«33. Nur was sollte an den »Gegebenheiten« anerkannt werden können, was nicht zuvörderst als sie seiend erkannt worden wäre, außer einem ganz abstrakten und leeren Diesda? Und was wäre eine Anerkennung von »Werthaftigkeit« von Seiendem, die nicht auch eine Erkenntnis, ein Begreifen, dieser »Werthaftigkeit« einschlösse? Kann eine »qualitative Bedeutung« anderer Personen für das eigene Leben anerkannt werden, ohne schon oder auch als solches erkannt zu sein? Nicht ohne Komik ist der Lapsus, dass in Opposition gegen die Lucács'sche Begründung von Verdinglichung aus dem entfalteten Warentausch, aus dem tatsächlich der Tauschwert nicht nur der Waren, sondern auch der Subjekte als Arbeitskräfte für den Produktionsprozeß entspringt, und in den die Subjekte als Gleiche und zu Vergleichende eingespannt sind, eine ursprünglich anerkennbare »Werthaftigkeit« der Dinge wie der anderen Subjekte vor aller begrifflicher Erkenntnis durch das Subjekt wie vor aller Verdinglichung existentiell bestehe.

Erst in der Bearbeitung dieser existentiellen »Stimmung« in ihrer »direkten Erfahrung« der Umwelt, komme es zu einer »Herausdestillierung eines Erkenntnisobjekts«34. Aber der »ursprüngliche, qualitative Erfahrungsgehalt«35, so stimmt Honneth Dewey zu, dürfe dabei nicht vergessen werden. Honneth referiert, wie am Beispiel einer einfachen Prädikation Dewey verdeutlicht, dass sich »Subjekt und Prädikat ›korrelativ‹ « ergänzten. »Erst die Transformation einer solchen Erfahrung in einem allgemeinen Aussagesatz zerreißt den zirkulären Zusammenhang, der zuvor zwischen erlebter Person und verspürter Wirkung bestand; und nun kann die ontologische Fiktion entstehen, als ›gäbe‹ es Menschen ganz ohne Eigenschaften, weil wir ihnen diese ja erst in der Prädikation als Attribut zuschreiben«36. Den Schlüssel zur tieferliegenden »Schicht der existentiellen Anerkennung«37 findet Honneth in den Theorien der Entwicklungspsychologie. Die emotionale Identifikation von Kleinkindern mit ihren Bezugspersonen könne als eine solche vorgängige Anerkennung begriffen werden. Gleichwohl erkennt Honneth die Differenz zwischen dem »Vorrang einer emotionalen Ansprechbarkeit« »in einem nur zeitlichen Sinn«38 und dem ontologischen Vorrang der Strukturen des Daseins und letztlich des Seins bei Heidegger an. Dennoch biete dieser »ontogenetische Befund« Anhaltspunkte für die These von der vorgängigen Struktur existentieller Anerkennung. Und »Geschichte und Logik« sollten »nicht so weit auseinandergerissen werden, daß die Entstehungsbedingungen des kindlichen Denkens ohne jede Relevanz für die kategoriale unserer Welterkenntnis«39 bliebe. Was aber wären solche »Entstehungsbedingungen« ohne die Gesellschaftlichkeit, mithin die Rechtssubjektivität der Bezugspersonen? Dass »das Kind aus der Perspektive der geliebten Bezugsperson zu einem objektiven Verständnis der Wirklichkeit gelangt«40 ist eine Erkenntnis, die zu einer Untersuchung der möglichen Perspektiven dieser Bezugsperson und damit der des Kindes auf die ›Welt‹, die nicht zuletzt in der Beschaffenheit dieser ›Welt‹ fundiert sind, führen müßte. »Ein Hotelbesitzer, der Adam hieß, schlug vor den Augen des Kindes, das ihn gern hatte, mit einem Knüppel Ratten tot, die auf dem Hof aus Löchern herausquollen; nach seinem Bilde hat das Kind sich das des ersten Menschen geschaffen.«41

Bei der Würdigung der »ursprünglichen Intuitionen von Lucács«42 bestehe nun die Schwierigkeit, zu erklären, wie es »zu einem Verlust dieser ursprünglichen Verhaltensform kommen kann, wo sie doch so tief in der Lebensweise des Menschen verwurzelt sein soll«43. »Wie also läßt sich der Prozeß der ›Verdinglichung‹ als ein gesellschaftlicher Vorgang explizieren, wenn doch das, was dadurch verlorengehen soll, eine derart konstitutive Bedeutung für die menschliche Sozialität besitzt, daß es in allen sozialen Vorgängen irgendwie zum Ausdruck kommen muß«44, fragt Honneth. Falsch sei, wie es von Lucács nahegelegt würde, dass »Verdinglichung tatsächlich mit der Objektivierung unseres Denkens zusammenfiele«, das wäre »als wolle der Autor [Lucács] sagen, daß der Vorgang der Verdinglichung in nichts anderem besteht als in einer sozial erzwungenen Neutralisierung unserer vorgängigen Haltung der Anteilnahme«45. Diese Annahme aber sei »zu totalisierend«, weil die »vorgängige Anerkennung bislang nicht als das Gegenteil, sondern als Bedingung der Möglichkeit einer Objektivierung unseres Denkens betrachtet«46 worden sei. »Die Gleichsetzung von Verdinglichung und Objektivierung, die Lucács mit seiner Begriffstrategie vollzieht«, führe »darüber hinaus zu einem äußerst fragwürdigen Bild gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse«, da so »jede soziale Innovation, die eine Neutralisierung unserer vorgängigen Anerkennung erforderlich macht« »für einen Fall von Verdinglichung«47 zu halten wäre. Diese »Ineinssetzung von Verdinglichung und Objektivierung« müsse zu der Annahme führen, dass »sich menschliche Sozialität letztlich aufgelöst«48 hätte. Ein möglichen und an Habermas angelehnten Ausweg, der darin bestünde, »zu unterschieden, in welchen sozialen Sphären eher die anerkennende Haltung oder eher die objektivierende Einstellung funktional erforderlich«49 sei, verwirft Honneth, da damit den »funktionalistischen Unterscheidungen implizit eine normative Beweislast zugewiesen« würden, die »sie von Haus aus gar nicht übernehmen« könnten50. Verdinglichung sei dagegen vielmehr als ein Vergessen der vorgängigen Anerkennung zu begreifen, das darin münden würde, dass diese »Abhängigkeit von sich abgespalten« und das »Wissen um andere Menschen und im Erkennen von ihnen verloren«51 ginge. Es bedürfe nun einer »groben Vorstellung davon, wie es möglich sein soll, daß das Faktum vorgängiger Anerkennung im Prozeß des Erkennens wieder in Vergessenheit geraten kann«52. Das Lucács'sche Vorgehen, an diese Stelle »die soziale Größe des Marktes«, die »Verhaltenszwänge des kapitalistischen Marktes, die die Subjekte dazu veranlassen, gegenüber ihrer Umwelt eine bloß erkennende statt eine anerkennende Haltung einzunehmen«53 sei zu simpel. Wie aber bestimmt sich in der Gesellschaft des entfalteten Warentausches die »Abhängigkeit« der Subjekte von einander? Sie konkurrieren miteinander um Arbeitsplätze und wo sie miteinander kooperieren müssen, um für andere Waren zu produzieren, tun sie dies unter der permanenten Drohung des Arbeitsplatzverlustes und der damit verbundenen Armut. Darüber hinaus produzieren sie füreinander – die Bedürfnisbefriedigung des einen bedeutet für den anderen Arbeit und Selbstdisziplinierung unter dem Primat des Bestehens in der Konkurrenz. Keine wie auch immer geartete »Abhängigkeit«, auch nicht jene des Kindes von seinen Eltern, die nicht durch jene vermittelt wäre.

Diese »Aufmerksamkeitsminderung«54 nun lasse sich exemplifizieren zum einen mit einem Tennisspieler, der »im Zuge der ehrgeizigen Konzentration auf den Sieg das Gespür dafür verliert, daß es sich um bei dem Gegenspieler um seinen besten Freund handelt, um dessentwillen er ursprünglich das Spiel begonnen« hätte, was sich als »Verselbstständigung eines Zwecks gegenüber seinem Entstehungskontext« darstelle55. In der gesellschaftlichen Praxis handelt es sich aber um kein solches »Spiel«, das um willen anderer, gar des besten Freundes begonnen worden wäre. Das Handeln der Subjekte kann nur vermittelt durch den Primat der Selbsterhaltung in der Konkurrenz das Wohlergehen der anderen und selbst der besten Freunde zum Ziel haben, die selbst mit Notwendigkeit als Konkurrenten auftreten und darin weder bloß beste Freunde noch, wie es ein gängiges soziologisches Theorem zu fassen versucht, ›neutrale Andere‹ sind.

Zum anderen ergebe sich eine solche »Aufmerksamkeitsminderung« »nicht aus internen«, sondern aus externen Bestimmungsgrößen unseres Handelns«. »Im Vollzug unserer Praxis« könne »die Aufmerksamkeit auf das Faktum vorgängiger Anerkennung auch deswegen verlorengehen, weil wie uns von Denkschemata und Vorurteilen beeinflussen lassen«56. Die sorgsame Aufspaltung von »externen« und »internen« »Bestimmungsgrößen« des Handeln nimmt sich gegen das, was die Vorgänger Honneths an gleicher Stelle, nämlich im Frankfurter Institut für Sozialforschung, formulierten57, geradezu lächerlich aus. Zur Rehabilitierung des Begriff der Verdinglichung sei nun aber auch eine Ausweitung dieses Begriffs auf den Bezug der Subjekte zur dinglichen Umwelt erforderlich. »Lucács hätte vielmehr darüber hinaus auch noch zu zeigen, daß das Verlassen einer derartigen Perspektive letztlich mit dem Ziel unvereinbar ist, die Natur möglichst objektiv erfassen zu wollen«.58 Honneth sehe aber nicht, wie der Nachweis, »daß die instrumentelle Behandlung der Natur gegen eine notwendige Voraussetzung unserer sozialen Praktiken«59 verstoße, zu erbringen sei. Dagegen sei eine Verbindung zwischen der Anerkennung anderer Menschen und der von dinglichen Objekten anzunehmen. »Die Anerkennung der Individualität anderer Personen verlangt von uns, Objekte in der Besonderheit all derjenigen Aspekte wahrzunehmen, die jene Personen in ihren jeweiligen Sichtweisen mit ihnen verknüpfen.«60 Jene »vorgängige Anerkennung« beinhalte so auch, »an den Objekten die Bedeutungsaspekte zu respektieren, die diese Wesen ihnen jeweils verliehen haben«61. In dem Vergessen, dass die Dinge »für die uns umgebenden Personen und für uns selbst eine Vielzahl von existentiellen Bedeutungen besitzen« liege eine »potentielle Verdinglichung der Natur«62.

Von der Verdinglichung der anderen als Vergessen ihrer vorgängigen Anerkennung und der Verdinglichung der nichtmenschlichen Dingwelt, von der man aber nur »in einem indirekten oder derivativen Sinn«63 sprechen könne, unterscheidet Honneth die auch schon von Lucács benannte »Selbstverdinglichung«64 als der »bloß betrachtenden Haltung« gegenüber der »Welt der inneren Erlebnisse, also der mentalen Akte«65. Auch hier müsse von einer ursprünglichen Form der »›anerkennenden‹ Selbstbeziehung in einem sozialontologischen Sinne« ausgegangen werden, von der als » ›originäre‹, normale Form von Selbstbeziehung«66 abgewichen werden könne. Honneth kritisiert jede Annahme eines nach innen gerichteten Wahrnehmungsorgans, eines »inneren Auges«67, das es erlauben würde, von »mentalen Zuständen durch einen Akt der nach innen gerichteten Wahrnehmung Bewußtsein zu erlangen«. Solche Zustände dürften nicht als »Objekte« begriffen werden, da sie so »über denselben distinkten und abgeschlossenen Charakter verfügen, den Entitäten in der objektiven Welt an sich haben sollen«68. Zwar hätten die Empfindungen eine »einschränkende Natur«, mithin etwas »Passives« an sich, was etwa der Konstruktivismus nicht erklären können, aber dies dürfe nicht dazu verleiten, »sich erneut dem Erkenntnismodell zuzuwenden und damit unsere inneren Empfindungen doch wieder als unabhängige Objekte zu denken«69. Zwar sei es ein »etwas«, dem man Ausdruck verleihe, wenn man einen Schmerzgefühl mit dem »Anstoß einer passiven Empfindung« artikuliere, aber dies dürfe nicht dazu verleiten, als »Quelle« ein »Objekt zu unterstellen, welches frei von aller begrifflichen Vorgeschichte wäre und daher wie ein Stück erster Natur auf uns«70 einwirke. Zweifellos aber ist jeder menschliche Körper, von dem kein Subjekt abgespalten werden kann, ein Stück Natur, das in einer »begrifflichen Vorgeschichte« nicht aufgeht. Subjekt ist auch immer naturales Objekt.

Der von Honneth präferierte Weg zwischen dem »Detektivismus« und dem »Konstruktivismus« ist nun der »Expressionismus«: »Wir nehmen unsere mentalen Zustände weder einfach wie Objekte wahr, noch konstituieren wir sie durch unsere Bekundungen, sondern wir artikulieren sie nach Maßgabe des uns innerlich jeweils Vertrauten«. Insofern müsse ein Subjekt »die eigenen Empfindungen und Wünsche für etwas halten, das es wert ist, artikuliert zu werden«71. In dieser »Selbstsorge« muß ein Subjekt »sich selbst vorweg soweit bejahen können, daß es die eigenen psychischen Erlebnisse für wert hält, aktiv erschlossen und artikuliert zu werden«72. Diese Art von Anerkennung sei es, die »Freud [..] als eine ganz selbstverständliche, nicht weiter hinterfragbare Haltung des Menschen zu sich selbst vorausgesetzt«73 habe. Unter »Selbstverdinglichung« könne man nun »Formen der Erfahrung«, die die »eigenen Empfindungen und Wünsche nach dem Muster dinglicher Entitäten« verstünden, verstehen. Als Grund dafür muß wieder der dünne Begriff der »Anerkennungsvergessenheit«74 herhalten.

Bis zum abschließenden Kapitel des Buches, in dem den »Sozialen Quellen der Verdinglichung«75 nachgespürt werden soll, hat Honneth nun »das Herzstück der Analyse von Georg Lucács ausgelassen«, der zufolge »für alle diese Verdinglichungserscheinungen nur die kapitalistische Verallgemeinerung des Warentausches verantwortlich zu machen«76 sei. Gegen »diese kompakte These nur einen einzigen, zentralen Einwand vorzubringen«, sei schwer, weil sie »zu viele Elemente enthält, die in sich problematisch sind«. So könne man »andere Menschen doch nur dann ›verdinglichen‹, wenn wir die vorgängige Anerkennung ihres Personseins aus dem Blick verlieren«, wo doch »im ökonomischen Austausch der Interaktionspartner normalerweise zumindest als rechtliche Person gegenwärtig bleibt«. Vorbei scheinen die Zeiten, als man – auch im Institut für Sozialforschung - noch auf den etymologischen Ursprung des Wortes »Person« im Griechischen, wo es Maske meint, reflektierte und den polemischen Begriff der Charaktermaske in der Absicht prägte, die politische Ökonomie des Rechtssubjekts, das sich auf seine Identität als Person viel einbildet, die ihm aber in der Krise nicht viel nützt, zu denunzieren. Heute steht die Anerkennung des Anderen als Charaktermaske im Denken der kritischen Theoretiker einer jeglichen Verdinglichung entgegen, da doch eine »Verdinglichung anderer Menschen bedeuten würde, ihr Menschsein selbst zu leugnen«77. Immerhin garantiere »seine rechtliche Einbindung in den Tauschvertrag« dem Anderen »eine zwar nur minimale, aber dafür doch erzwingbare Berücksichtigung seiner personalen Eigenschaften«78. Womit bis zum nächsten zünftigen Faschismus, wenn »unter der Wirkung verdinglichender Typisierungen (von Frauen, Juden, usw.) den entsprechenden Personengruppen jene personalen Eigenschaften nachträglich wieder abgesprochen werden«79 mit Verdinglichung erst einmal nicht mehr zu rechnen ist. Dass die Juden nicht in dem »usw.« untergegangen sind, hebt dann auch nicht den Lapsus auf, dass offenbar aus dem Nichts kommende »Typisierungen« ihre »Wirkung« entfalten müssen, damit ganz anonym und nun völlig unter einer Einwirkung dieser »Typisierungen« stehend, den Juden Eigenschaften abgesprochen werden. Nicht die Juden haben unter »Typisierungen« gelitten, sondern die die ihnen ihr Menschsein »abgesprochen« haben. »Vollkommen unklar« sei es, »warum ein bloßes Gedankenkonstrukt oder Beschreibungssystem die Kraft besitzen soll, ein vorgängiges Faktum nachträglich zu erschüttern«80. Dass es sich um kein »Faktum« handelt, das vergessen werden könnte, sondern um die Rechtssubjektivität in ihren Vermittlungen, bleibt auch hier unreflektiert. Diese Rechtssubjektivität ist alles andere als ein »bloßes Gedankenkonstrukt«, sondern die Form, in der sich die Individuen bewegen müssen, die sie unter Androhung des Rückfalls in reine Natur nicht abstreifen können, die aber in der ökonomischen Krise als an sich unmögliche Identität droht, was sie in ihrem Wesen ist: reine Identität, Tod.

Gleichzeitig beinhalte »die Verdinglichung gerade ein Bestreiten oder ›Vergessen‹ dieser vorgängigen Gegebenheit«81. Was aber wenn die Subjekte ›je schon‹ nicht als ›ganze Menschen‹, sondern als Charaktermasken ›gegeben‹ sind? Was könnte dann »vergessen« werden, an ihnen anzuerkennen? »Wahrscheinlich« sei es »daher auch in diesem Fall«, dem des »Rassismus oder der pornographischen Repräsentation von Frauen«, »sinnvoller, dem Praxiselement bei der Erklärung Rechnung zu tragen und von einem korrelativen Zusammenspiel von vereinseitigender Praxis und ideologischem Überzeugungssystem auszugehen«82. Zu einem Theorem über das »Zusammenspiel« von ›Elementen‹ und darüber, dass »jene typisierenden Beschreibungen dadurch motivationalen Nährstoff erhalten, daß sie den passenden Interpretationsrahmen für die vereinseitigte Praxis liefern«83 kann sich heute das soziologische Geschwätz in der Amtsnachfolge Adornos durchringen, wenn Verdinglichung und Massenmord erklärt werden soll.

Alle Bemühungen, durch Rückgriff sei es auf die Heidegger'sche Ontologie oder auf die Entwicklungspsychologie, den Bezug auf den entfalteten Warentausch im Zusammenhang mit dem Begriff der Verdinglichung, zu tilgen, müssen scheitern. Denn die Subjekte, denen wahlweise Seinsvergessenheit oder »Annerkennungsvergessenheit« vorgehalten wird, sind ›je schon‹ nicht bloß ›ganze Menschen‹ sondern Rechtssubjekte, die eingespannt sind in die krankmachende Konkurrenz auf dem Markt um die knapper werdenden Arbeitsplätze. Diese Totalität der Gesellschaft erlaubt es nicht, »vorgängige« aber ›immer schon‹ präsente Strukturen auszumachen, die davon unberührt blieben. Ein Denken, das das nicht anerkennt, indem es durch ontologisch-mystisches Geraune vom Sein oder szientifisch-psychologische Verrenkungen glaubt, davon abstrahieren zu dürfen, um im Resultat die wahren Fundamente menschlichen Daseins dingfest gemacht zu haben, vergeht sich wirklich in Anerkennungsvergessenheit an der Wirklichkeit, die zu ändern wäre.

Jörg Walter

12.03.2006


1Honneth, Axel (2005): Verdinglichung, Frankfurt a.M. : Suhrkamp

2Ebd., S. 94

3Theodor W. Adorno (1970): Negative Dialektik, Gesammelte Schriften 6, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, S. 276

4Ebd, S. 274

5Honneth, Axel (2005): Verdinglichung, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, S. 12

6Ebd. S. 13

7Ebd. S. 14

8Ebd. S. 15

9Ebd. S. 17

10Ebd. S. 17

11Lucács, Geschichte und Klassenbewußtsein, nach: Ebd. S. 19

12Ebd. S. 19

13Ebd. S. 21

14Ebd. S. 28

15Ebd. S. 27

16Ebd. S. 28

17Ebd. S. 62

18Ebd. S. 22

19Ebd. S. 29

20Ebd. S. 31

21Ebd. S. 32

22Ebd. S. 32

23Ebd. S. 34

24Ebd. S. 35

25Theodor W. Adorno (1970): Negative Dialektik, Gesammelte Schriften 6, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, S. 493 : »Was sich rühmt, hinter die Reflexionsbegriffe Subjekt und Objekt zurückzugreifen auf ein Substantielles, verdinglicht bloß die Unauflöslichkeit der Reflexionsbegriffe, die Irreduktibilität des einen auf den anderen, zum An sich. Das ist die philosophische Normalform der Erschleichung, welche dann der Jargon unablässig begeht. Unausdrücklich und ohne Theologie vindiziert er, Wesenhaftes sei wirklich – und mit demselben Streich: Seiendes sei wesenhaft, sinnvoll, gerechtfertigt.«,

26Honneth, a.a.O., S. 39

27Ebd. S. 40

28Ebd. S. 41

29Ebd. S. 42

30Ebd. S. 42

31Ebd. S. 41

32Ebd. S. 42

33Ebd. 46

34Ebd. S. 42-43

35Ebd. S. 43

36Ebd. S. 44

37Ebd. S. 46

38Ebd. S. 52

39Ebd. S. 52

40Ebd. S. 52

41Theodor W. Adorno (1970): Negative Dialektik, Gesammelte Schriften 6, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, S. 359

42Ebd. S. 62

43Ebd. S. 63

44Ebd. S. 64

45Ebd. S. 64

46Ebd. S. 65

47Ebd. S. 65

48Ebd. S. 66

49Ebd. S. 66

50Ebd. S. 67

51Ebd. S. 68

52Ebd. S. 70

53Ebd. S. 70

54Ebd. S. 71

55Ebd. S. 71

56Ebd. S. 72

57Etwa: Theodor W. Adorno (1972): Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften 8, Frankfurt a.M. : Suhrkamp, S. 55 : »Das vereinzelte Individuum, das reine Subjekt der Selbsterhaltung, verkörpert im absoluten Gegensatz zur Gesellschaft deren innerstes Prinzip. Woraus es sich zusammensetzt, was in ihm aufeinanderprallt, seine ›Eigenschaften‹, sind allemal zugleich Momente der gesellschaftlichen Totalität. Monade ist es in dem strengen Sinn, daß es das Ganze mit seinen Widersprüchen vorstellt, ohne doch je dabei des Ganzen bewußt zu sein. Aber in der Gestalt seiner Widersprüche kommuniziert es nicht stets und durchgängig mit dem Ganzen, sie rührt nicht unmittelbar von dessen Erfahrung her. Die Gesellschaft hat ihm die Vereinzelung aufgeprägt, und diese hat als ein gesellschaftliches Verhältnis teil an seinem Schicksal.«

58Honneth 2005, S. 74

59Ebd. S. 74

60Ebd. S. 76

61Ebd. S. 76

62Ebd. S. 77

63Ebd. S. 78

64Ebd. S. 78

65Ebd. S. 80

66Ebd. S. 82

67Ebd. S. 84

68Ebd. S. 84

69Ebd. S. 85

70Ebd. S. 88

71Ebd. S. 88

72Ebd. S. 88

73Ebd. S. 90

74Ebd. S. 92

75Ebd. S. 94

76Ebd. S. 94

77Ebd. S. 96

78Ebd. S. 100

79Ebd. S. 102

80Ebd. S. 102

81Ebd. S. 96

82Ebd. S. 103

83Ebd. S. 103